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Professor Wolfgang Eßbach über den “Bologna-Crash”

Als einer von wenigen Professoren kritisiert Professor Wolfgang Eßbach die Umstellung auf das Bachelor/Master-System öffentlich scharf. Der Soziologieprofessor besuchte am 2. Dezember das Besetzerplenum und sprach über die Rolle der Professorenschaft beim Scheitern deutscher Hochschulreformen. Auch vom Uniradio echo-fm ließ er sich interviewen. Die schönsten Zitate haben wir gesammelt.

(Update: Jetzt auch Zitate von der Rede am 17.11. im besetzten Audimax )

Professor Eßbach besuchte mehrfach das besetzte Audimax

Eine große Fehlentscheidung: Die Überbelastung der Unis

“Fächer wie Germanistik und Philosophie wurden zu Massenfächern, weil sie nicht zulassungsbeschränkt waren. Zeitweilig gab es mehr Studierende der Ethnologie als Mitglieder indigener Völker.”

“Der Überlastbeschluss schaffte es, Absolventen ins Blaue hineinzuproduzieren.”

“Viele Professoren missverstehen das: Sie glauben, es seien so viele Studierenden im Seminar, weil sie selbst so genial sind.”

Das “Unternehmen Uni”

“Die Rechte der Universitätsspitze sind so stark wie nie zuvor in der europäischen Hochschulgeschichte.”

“An der Universität herrschen oligarchische Strukturen. Im deutschen Wissenschaftssystem gibt es 83% befristete Einstellungen und nur 17% unbefristete Arbeitsverhältnisse.”

“Bevor es zum Zusammenbruch der Universitäten kam, brach die DDR zusammen. Und dort war alles noch viel schlimmer.”

Der “Bologna-Crash”

“Bachelor/Master ist ein System mit einem englischen Namen, steht aber in der Tradition der Planwirtschaft der DDR.”

“In modernen Gesellschaften verschwindet die individuelle Verantwortung. Für den Bankencrash war niemand verantwortlich, so ist das jetzt auch beim Bologna-Crash: Niemand ist verantwortlich und jeder schiebt die Verantwortung jemandem anderen zu. … Wenn die Tatbeteiligung so strittig ist, dann gilt so etwas wie der Sachverhalt der Mitgliedschaft im Systemversagen.”

“Es kostet ja nichts, wenn sich Frau Schavan, die Wissenschaftsminister der Länder, die Rektoren und die Dekane für den Bologna-Crash bei den Studierenden entschuldigen.”

“Es wäre anständig wenn der Rektor sagt: Wir haben einen Fehler gemacht.”

“Die Universität ist frei. Der Universitätsrat, der Rektor, der Senat, können morgen entscheiden: Wir steigen aus dem Akkreditierungssystem aus. Ich möchte mal diejenige baden-württembergische Landesregierung sehen, die die Universität Freiburg schließt, weil sie Studiengänge entwickelt, die nicht nach den Bologna-Modulen und Workloads und dem ganzen Kram gebaut sind, sondern die sich selbst etwas einfallen lassen.”

“Das ganze verliert an moralischer Integrität. Das nennt man heute Politikverdrossenheit, das ist eine innere Abkehr und eine Zynismus von allen gesellschaftlichen Fragen. Das kann zur Demoralisierung führen – und zwar auf allen Seiten.”

Die klugen Protestierenden

Europakarte mit den besetzten Hochschulen am 22.11.09

“Es sind heute viel, viel, viel mehr Studierende bei den Protestierenden als 1968.”

“Die heutigen Studierenden sind klüger, weil sie sich nicht mehr auf so ein Bürgerkriegsspiel einlassen wie wir damals.”

“Was in diesem Jahr passiert ist, ist etwas Neues: Die Studierenden haben eine Gedächtnis gehabt von Juni bis heute. Sie wissen, dass ihnen etwas versprochen worden ist, das bis heute nicht eingelöst worden ist.”

“Werden sich die Professoren dorthin stellen, wo Professoren nun mal hingehören: An die Seite ihrer Studierenden?”

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[Update vom 5. Dezember 2009]

Gesellschaftliche Missstände

“Deutschland liegt, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung von heute [17.11.09], bei den Ausgaben je Student gerade noch vor Mexiko und Nigeria. Damit das nicht so peinlich ist, hat man schon in den Finanzministerien überlegt, die Altersversorgung für Lehrer und Professoren als Bildungsausgaben dazuzurechnen, damit die Statistik besser aussieht.”

“Auf den Film Resist – der Aufstand der Praktikanten, der jetzt anläuft, warten wir schon lange. Man könnte da auf Ideen kommen.”

“Ein berühmter französischer Dichter hat vor 500 Jahren … etwas über die Erziehung gesagt. ‘Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.’ Der Dichter hieß Rabelais, kein Sternchenthema in der Oberstufe, das versteht sich.”

Der Bologna-Prozess ist nicht zu retten

“Niemand wollte dreijährige berufsbefähigende Kurzstudiengänge flächendeckend einführen. Niemand wollte den Zugang zum Master beschränken. Niemand wollte die Konkurrenz zwischen altem Magister und Diplom und den neuen Studiengängen verbieten. Niemand wollte ein studienbegleitendes Prüfungssystem einführen, bei dem vom ersten Semester an Noten für das Examen gesammelt werden. Niemand wollte von Seminaren auf Module umsteigen. … [W]enn alle Verantwortlichen in voller Verantwortung alles richtig gemacht haben, dann nennt man das Systemversagen, und bei Systemversagen sollte man einmal an ein anderes System denken.”

“Es ist sinnlos, eine Bologna-Idee angesichts dieser Ergebnisse retten zu wollen. Der Bologna-Prozeß ist gescheitert. Jetzt muß die Reset-Taste gedrückt werden, gebraucht wird ein anderer Prozeß, ein neuer Name, eine neue Idee für den europäischen Hochschulraum.”

aufgezeichnet von Scriptora

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