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“Freiburg brennt” – Über Sinn und Unsinn der Slogans der Uni-Besetzer

Gerne bedienen sich die Studierenden bei anderen, um ihre Anliegen zu äußern.

Das „Besetzt”-Banner war schnell gehisst. Auch die Stoffbahnen, die seit fast drei Wochen das Audimax und das Foyer des Kollegiengebäudes II beleben, transportieren Sprüche und Aussagen, die den Protest schlagwortartig vermitteln sollen. Doch wie kreativ und wirkungsvoll sind die Parolen? Eine Analyse.

Gekommen um zu bleiben, prangt es groß über dem Eingang. Der Liedtitel von Wir sind Helden passt so exakt auf die Besetzer, dass man fast meinen könnte, die Band hätte das Lied nur für den Streik geschrieben. Eine gute Wahl also. Doch ist zu bedenken, wie es im Text weitergeht: „Wir gehen nicht, aber wenn wir gehen, dann gehen wir in Scheiben” – das entspräche dem Szenario, dass die Polizei jeden einzelnen Studierenden einzeln aus dem Audimax herausträgt.

banner_DSC09087 Es ist nicht deine Schuld, dass die Uni ist wie sie ist. Es wär’ nur Deine Schuld wenn sie so bleibt… ist ein etwas verändertes Zitat des Liedes Deine Schuld von den Ärzten. Und von Reinhard Mey stammt wohl die Idee für Die Gedanken sind frei. Bildung ist frei. Die eigene Kreativität war für all diese Liedzitate kaum vonnöten. Bekannte Zeilen werden umgewandelt, um Botschaften zu vermitteln. Überhaupt bedienen sich die Besetzer für ihre Banner gerne bei anderen: Ein Gespenst geht um im Plenum – das Gespenst des sds… ist eine Abwandlung von den Eibanner_DSC09089ngangsworten aus Karl Marx’ Manifest der Kommunistischen Partei. Freie Bildung ist der Ausgang des Menschen  aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit soll wohl Immanuel Kants Frage beantworten, was Aufklärung ist. Es ist schade, dass auf die dringende Bildungsfrage nicht mehr eigene Antworten gefunden werden. Schließlich machen die Besetzer mit ihren Sprüchen Werbung für sich selbst. Und für diese gelten die gleichen Gesetze wie für die Welt draußen: Je cleverer, einprägsamer, innovativer, desto erfolgreicher.

Doch die Studierenden bleiben oft innerhalb vorgegebener Mauern. Gerne beziehen sie deswegen sie auch das biblische Zitat mit ein, das an der Fassade des KG I in goldenen Lettern steht: Die Wahrheit wird euch frei machen (Johannes 8, 31). Dazbanner_DSC09103u hängt in der besetzte  Aula: Die Wahrheit wird uns frei machen… aber nur mit freier Bildung. Hier wird der Ausspruch um die Hauptforderung des Bildungsstreiks erweitert. Ein anderer Banner mit Die Wahrheit wird Euch arm machen geht weiter und platziert an die Stelle des höchsten Gutes, der Freiheit von Forschung und Lehre, ein Adjektiv, das das finanzielle Elend der Studierenden drastisch veranschaulichbanner_DSC09106en soll.

Andere Parolen hingegen sind eher kritisch zu betrachten. Seamos Realistas y hagamos lo  Imposible heißt es im Audimax. Der Ausspruch von Ernesto Che Guevara, frei übersetzt Seien wir realistisch und fordern wir das Unmögliche bezieht sich jedoch auf eine ganz andere Art von Revolution als diejenige, die die Studierenden anstreben. Ob damit die Masse der Studierenden erreicht werden kann, ist fraglich, da durch ein derartiges Zitat suggeriert wird, es handle sich bei den Protestierenden um extrem linke sektiererische Gruppen. Auch der Slogan Freiheit wird erkämpft nicht erbettelt ist so kämpferisch, dass ein der Großteil der Studierenden eher nicht angesprochen werden dürfte.banner_DSC09094

Diejenigen, die eigentlich nur in Ruhe studieren wollen, könnten hingegen aufmerksam werden durch wirklich kreative Sprüche. Einer davon lautet: Die Veranstaltung ‘Bürgerliches Recht für Anfänger’ findet seit Montag im Audimax statt! Auch Bildung ist Grundlage für gesellschaftliche Mitbestimmung zeugt auf intelligente Art von den gesamtgesellschaftlichen Ansprüchen, die der Protest vertritt. Und Chuck Norris kellnert und schafft seinen B.A. in der Regelstudienzeit könnte den ein- oder anderen sogar zum lachen bringbanner_DSC09107en.

Breite Fundamentalkritik hingegen wirkt einfallslos. Leider gibt es auch dafür genügend Beispiele: Studiengebühren = asozial oder Für faire Bildung – fair teilen! oder Was ist die wahre Menschheit? (wert)? vermitteln weder Inhaltliches, noch sind sie einprägsam.

Viel besser hängen bleibt das Wortspiel, das auch in Gießen, Stuttgart oder Kiel diesen Herbst  verwendet wurde: Bildet Euch – Bildet Andere – Bildet Widerstand. Ein weiterer Hingucker: Fang mich, ich bin ein ECTS-Punkt.

Was wäre aber dieser Protest, wenn dabei nicht auch für die Gleichbehandlung der Geschlechter gekämpft werden würde? In stundenlangen Diskussionen im Plenum, scharfen Kommentaren auf der Besetzer-Homepagbanner_DSC09085e und politisch korrekten Statements in unzähligen Gesprächen wurde immer wieder betont, wie unabdingbar die weibliche Form der Ansprache. Das ist war richtig – aber anstrengend. Und sollte eigentlich ein Nebenschauplatz im Bildungsstreik sein. In beiderlei Geschlechtern heißt es also: Be Part of it. Stell dir vor, es gibt Studiengebühren und keineR zahlt. Boykott. Wobei auch hier wieder ein geflügeltes Wort Verwendung findet: Carl Sandburgs Sometime they’ll give a war and nobody will come.

Tja, und dann wäre da noch das Motto, unter dem die europaweiten Proteste stehen: uni brennt. Auch in Freiburg hieß es gleich Freiburg brennt, wobei sich dagegen vehementer Widerspruch erhob. Schließlich hat niemand vor, einen Hörsaal anzuzünden oder Feuer zu schüren, vielmehr sollte es um einen Systemwandel gehen. Das Bild trifft nicht. Der berechtigte Protest gegen das aktuelle Bildungssystem verbaut sich so die Chance, die lethargische Mehrheit der Studierenden anzusprechen, da nicht jeder hinter ein Freiburg-brennt-Logo stehen möchte.

Auch wenn das umstrittene Banner mittlerweile nicht mehr hängt, so findet sich im Foyer nach wie vor Uni brennt. Feuerwehr banner_DSC09117zwecklos! Über das Abhängen dieses Plakats sollten die Besetzer genauso nachdenken wie über die Parolen von Parteien und Organisationen, die sich ebenfalls unter den Besetzerplakaten breitmachen. Schließlich geht es nicht nur um die Wünsche von eine paar radikalen Aktivisten. Sehr geglückt ist eine plakative Antwort auf ein linkes Plakat: Auf Bildung für alle folgte ein kommunistisches Alles für alle! Das wollten die Bildungsaktivisten nicht auf sich sitzen lassen und malten stur daneben:

Alles für alle? Bildung für alle!

Scriptora

  1. 7. Dezember 2009 um 18:35 | #1

    “ein Gespenst geht um im Plenum – das Gespenst des SDS” fehlt zB in deiner auswahl, es gibt also durchaus unterschiedliche ansichten zur nicht polit- aber parteiisierung der besetzung.

  2. 8. Dezember 2009 um 00:32 | #2

    Mmh, doch, das von Dir zitierte Banner steht im dritten Absatz. Ansonsten sind die Plakate der Linken (Partei) größtenteils wieder verschwunden, wenn ich das richtig überblicke.

  3. 8. Dezember 2009 um 01:00 | #3

    hmm stimmt. na gut.

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