Glosse: Wundersame Weihnachten
Hach, wie schön es wieder weihnachtet! Pittoresk sitzen Penner in den Hauseingängen und spielen traurige Lieder auf der Mundharmonika, warmherzige Bürger erbarmen sich und spenden den einen oder anderen Euro, und alle, alle trinken sie Glühwein, die einen aus Tetrapacks, die anderen aus hübschen Gläsern auf dem Weihnachtsmarkt.
Leuchtende Lichterketten verbinden die Menschen in der ganzen christlichen Welt und mahnen uns sanft, sich der alten und guten Werte wieder zu entsinnen – besonders aber einem Wert, der zwar nicht im eigentlichen Sinne des Wortes ein Wert ist, aber gemeinhin als sehr wertvoll gilt: Die Familie! Das schützende Heim, das seine Tür vor den eisigen Stürmen der Krise verschließt, die geborgene Hütte in der neoliberalen Schneeverwehung, aus deren Fenstern ein warmgelber Lichtschein dringt, der weit hinaus strahlt in die Nacht, wie Weihnachtslieder, die von glücklichen Kindern gesungen werden.
So zumindest denkt der einsame Wanderer, der auf seinem schneeknirschenden Weg durch die Nacht kurz innehält und sehnsüchtig auf diesen Goldstreifen am Horizont blickt, der ihn wie eine winterliche Fata Morgana begleitet. Er ist schon so lange unterwegs, der arme Wanderer, er hat ganz vergessen, wo er eigentlich hin will. Einmal im Jahr, einem geheimnisvollen inneren Antrieb folgend, setzt er sich vor eine verkrüppelte Bergkiefer und singt heiser “Oh Du fröhliche!”, um sich warm zu halten. Dann schenkt er sich selbst ein bisschen Schnee und zieht weiter, dem Licht entgegen.
In der Hütte selbst geht es lustig zu, da prasselt ein Feuer im Kamin, da ruft ein Weihnachtsmann „Hohoho!“ und trinkt noch einen Glühwein, da balgen die Kleinen sich um Geschenke und die Großen essen noch etwas von der leckeren, fetten Gans – von allem gibt es reichlich. Zumindest eine paar Tage lang. Dann gehen die Großen wieder arbeiten – meistens Schneeschippen – und sprechen mit banger Stimme von „der Krise“, während die Kleinen ihnen vom Fenster aus zusehen. Doch auch sie werden immer mehr und immer früher zu ordentlichen Schippern erzogen, denn jeder muss etwas leisten, sonst versinkt die Hütte irgendwann noch im anwachsenden Schneetreiben. Und das will ja auch keiner.
Abends sitzen alle am Kamin und lauschen den Märchen der Alten, sie erzählen von einer Zeit, als es noch Frühling war in der Welt. Keiner glaubt mehr daran (am wenigsten die Alten selber, die schon ganz andere Zeiten erlebt haben), aber danach können alle besser schlafen. In der Nacht knarzt die Hütte unter der Last des Schnees, während draußen der Wind tost. Und wenn andere, seltsamere Geräusche durch ihr Zuhause klingen – aus dem geheimen Keller oder der guten Stube, wo der Waffenschrank steht –, dann träumen die Schlafenden schlecht. Tagsüber aber steht wieder die Arbeit an. Zu aller Bedauern kommt es dabei immer häufiger vor, dass ein Kind verloren geht. Im einen Moment schippt es noch fleißig Schnee, im nächsten werden seine kleinen Fußabdrücke schon vom Wind verweht.
So wächst die Zahl der Wanderer. Ab und zu treffen sie auf andere Suchende, oft kommen die Erinnerungen dann wieder und man entscheidet sich, gemeinsam eine eigene Hütte zu bauen. Die meisten aber irren in immer weiter werdenden Kreisen umher, betäubt von der Kälte und angetrieben von dem dumpfen Gefühl, auf der Suche nach etwas Kostbarem zu sein, das sie vor langer Zeit verloren haben. Das eigentlich Traurige daran ist, dass sie dieser Eiswüste ganz einfach den Rücken kehren, dreimal in die Hände klatschen und in den sommerlichen Sonnenuntergang hinter sich reiten könnten. Aber an so was glaubt ja keiner, schon gar nicht zur Weihnachtszeit. Prost!
leuchtfisch
Soso.
Und was willst Du uns damit sagen, Leuchtfisch?
Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch.