Herumtrödeln für Deutschland
Danke Deutschland. Danke, dass ich drei Mal meine Studienfächer wechseln durfte, bis ich endlich wusste, wohin ich im Leben möchte. Danke für die all ungebremsten Diskussionen, die so weit in die Nacht reichten, bis wir die Vorlesung am nächsten Morgen ausfallen lassen mussten. Danke auch für das halbe Jahr in Südamerika, zu dem ich mich – gegen alle Vernunft – mitten im Studium entschlossen hatte.
Ich bin Magisterstudentin und damit eine der letzten unkontrollierten Freigeister im deutschen Studiensystem. Nach mir kommt die Bologna-Generation. Eingezwängt in ein Korsett aus Studienordnungen, Prüfungen und minutiösen Stundenplänen gleichen die Bachelor- und Magisterjahrgänge eher Schülerinnen und Schülern als Studierenden. Sie arbeiten wie kleine Unternehmen, nutzen effizient ihre eigenen Ressourcen für Workload und Credit Points, bauen ihre berufsorientierte Kompetenzen aus und sammeln stupide ECTS-Punkte ein. Und so reguliert ihr Lernen ist, so kanalisiert ist leider auch ihr Denken. 
Die verschulten Abschlüsse berauben die jungen Menschen. Ein ganzer Lebensabschnitt gerät unter die Reformmühlen, nämlich die Zeit des Eigensinns und der Unordnung, des Herumprobierens und Fehlermachens. Nach dem Turbo-Abitur kommen die Reformkinder jung an die Universität und können auch dort nicht heranreifen.
Dabei hatten viele von ihnen schon durch die Verkürzung der Schulzeit nicht die Möglichkeit, ein Jahr ins Ausland zu gehen. Der bald nur noch sechs Monate dauernde Zivildienst wird gerade zu einem bloßen Zivilpraktikum umgebaut. Und dann? Nach dem Spurt durch die Ausbildungsstätten haben die Jungs und Mädels mit Anfang zwanzig ihren Bachelor in der Tasche. Mündige, kritische und selbst denkende Persönlichkeiten sind sie dann nicht.
Der vielbeschworene Wissensstandort Deutschland züchtet sich Wissensmaschinen heran. Menschen, die Gelerntes wieder ausspucken können wie Computer. Zeit zum Denken und Dichten hingegen gibt es kaum noch im Land der Denker und Dichter. Doch: Nur wer Zeit hat zum Bummeln und Trödeln, wer nutzlos Herumspinnen darf und in sich selbst versunken Spielen wie ein Kind, kommt irgendwann auf neue Ideen. Wer mit seinem Denken hingegen ein Ziel verfolgen soll, wer permanent nur auf Nützlichkeit getrimmt wird, entwickelt keine Innovationen. Das zeigt das Beispiel DDR: Stets galt es, einen vorgegebenen Plan zu erfüllen. Obwohl die Ausbildung an den ostdeutschen Universitäten nicht schlecht war, kamen von dort keine großen Würfe. Neue Ideen entwickelten die Bummelstudenten aus dem Westen.
Das neue Wissenskultur führt zu unmotivierten Studierenden, die ihre Veranstaltungen nur noch absitzen. Sie kommen an die Universität mit dem Ziel, eine Unterschrift abzugeben, und nicht, um Gedanken aufzunehmen. In Vorlesungen surfen die einen gelangweilt auf Facebook, während sich andere so lautstark über die letzte Party unterhalten, bis die wenigen Interessierten nichts mehr verstehen. Verloren irren sie durch die Gänge der Massenuniversitäten, ohne ausreichende Betreuung durch die Dozierenden, ohne hilfreiche Tutorien und ohne kleine Lerngruppen. Getrimmt auf das Ausbildungsziel bleibt ihnen keine Zeit, sich im Wissenschaftsbetrieb Hochschule zurechtzufinden.
Die Studierenden haben in monatelangen Protesten auf die eklatanten Missstände hingewiesen. Die Kultusminister der Länder und die Hochschulleitungen gestehen mittlerweile Defizite der Bologna-Reform ein und basteln an der Reform der Reform. Doch kleinliche Korrekturen werden nicht ausreichen. Es darf nicht damit enden, nur ein paar Studienpläne nachzubessern und das sogenannte Umsetzungsproblem zu beseitigen. Besonders traurig ist die Ankündigung von Bundesbildungsministerin Schavan, das Bafög erhöhen zu wollen, denn dieses Zugeständnis ist überhaupt keine Lösung für den Bologna- Crash, sondern reines Ablenkungsmanöver.
Immerhin steht der Kern der deutschen Universität auf dem Spiel: Das wissenschaftliche Studium an sich. Das Jahrhunderte alte deutsche Hochschulwesen sollte für eine Reformidee aus Italien nicht einfach hingeschmissen werden. Meistens haben feste, seit langem überlieferte Traditionen durchaus ihre Berechtigung.
Scriptora